
Die
Kanäle:
Schleswig-Holsteinischer Kanal
Nord-Ostsee-Kanal (Kiel-Canal)
von Hannelore Pieper-Wöhlk und Dr. Dieter Wöhlk
Schon die Wikinger haben ihn gesucht: den optimalen Weg von der
Ostsee
zur Nordsee und zurück. In die Kieler
Förde sind sie sicher hineingesegelt, am Ende dieses
Meeresarmes
ist man so nah an der Eider wie sonst nirgendwo.
Doch zur Wikingerzeit trieben hier angeblich Wenden ihr Unwesen
und könnten den Nordmännern den möglichen
Handelsweg nach Westen streitig gemacht haben. So blieb es
zunächst
beim Weg von der Schlei über Land, dann
auf der Treene zur Eider. Mit der Besiedlung des Dänischen
Wohldes im 13. und 14. Jahrhundert fand die Idee eines
Wasserweges quer durch Schleswig-Holstein konkrete Gestalt. Ab dem
16. Jahrhundert entstanden insgesamt 16 Pläne,
z.B. der Plan von 1571, die Kieler Förde mit der Eider zu
verbinden.
Doch es sollten noch rund 200 Jahre vergehen,
nämlich bis 1777, als angefangen wurde, die Ideen in die
Wirklichkeit
umzusetzen. 1784 war der 34 km lange Kanal
fertig, der die Ostsee mit der Eider, genauer mit dem Schirnauer
See westlich Rendsburg verband, so daß Kanal,
Obereider mit ihren Seen und Untereider gemeinsam einen
Schiffahrtsweg
zwischen Ostsee und Nordsee bildeten.
2 Obelisken - einer steht noch dort - markierten beim Seekamper
Bauerndorf Holtenau die Einfahrt in den Kanal,
3 Packhäuser (in Holtenau, Rendsburg und Tönning) standen
für den Handel zur Verfügung und 6 Schleusen glichen
die Höhenunterschiede zwischen Ostsee und Eidertal aus,
die erste Schleuse lag 2 km landeinwärts von der Kieler Förde.
Außerdem ergänzte eine Reihe von Brücken
(holländischer
Bauart, die sich daher aus historischen Gründen auch für
die Kieler Hörnquerung empfohlen hätte!) unterbrochene
Wege von Schleswig nach Holstein. Genau genommen war
auch der Kanal nur teilweise eine echte künstliche
Wasserstraße,
denn bei Holtenau hatte man für den Kanalbau
das Bett der Levensau genutzt, die, vom Warleberger Moor kommend,
unterhalb der Holtenauer Bauernstellen zur
Ostsee floß. So blieben von der Levensau als Namensgeberin
einer der vier Kieler Hochbrücken nur kleine Reste,
deren Wasser heute in den NOK fließt.
Der Schleswig-Holsteinische Kanal war zu seiner Zeit die
modernste
und meistbenutzte künstliche Wasserstraße der
Welt mit einem eindrucksvollen Verkehr für Schiffe bis zu 300
t, eine technische Großtat, auf die man im Land stolz war
und auch heute noch sein kann. Noch Anfang der 1870er Jahre
fuhren über 5000 Schiffe pro Jahr von der Kieler
Förde auf direktem Wege nach Tönning oder umgekehrt, im
letzten Betriebsjahr waren es immerhin rund 4500 Schiffe.
Die Benutzungsfrequenz eines solchen Schiffahrtsweges wurde schon
damals von internationalen Krisen beeinflußt,
wie z.B. während Napoleons Kontinentalsperre oder
während
der Schleswig-Holsteinischen Erhebung, als nur noch etwa
die Hälfte der Schiffe den Kanal passierte.
Der Betrieb des Kanals unterstand der "Königlich
Dänischen,
Norwegischen, Schleswigschen und Holsteinischen Handels-
und Kanalkompagnie“, die zunächst versuchte den Kanals von
Schiffen aus dem Ausland (z.B. Preußen, Schweden oder
England) frei zu halten, was sich allerdings schnell als finanziell
nicht tragbar erwies.
Ein großes Problem im Kanal war die Antriebssform der
Schiffe.
Nur selten wehten die Winde so, daß gesegelt werden
konnte, Kreuzen ist auf dem engen Raum kaum möglich. Da
Motorbetrieb
bis auf die letzten Jahre des Kanals unbekannt
war, wurde Treideln eine der wichtigsten Methoden, die Schiffe durch
den Kanals zu befördern: eine wichtige Einnahmequelle
der Bauern im Einzugsbereich der Wasserstraße.
Der Schleswig-Holsteinische Krieg von 1848 bis 1851 um die
Unabhängigkeit
der Herzogtümer vom Dänischen Gesamtstaat
hatte für den Kanal der Herzogtümer noch eine interessante
Konsequenz. Im Zuge der dänischen Versuche, die Identität
Schleswig-Holsteins zu zerstören, wurde 1853 der Kanal in
„Eiderkanal“
umbenannt. Dieser letztlich falsche Name wurde
in preußischer Zeit aus ähnlichen wie den dänischen
Motiven beibehalten.
Zitat aus Wikipedia zum Namen "Eiderkanal":
Nach der Niederschlagung der Schleswig-Holsteinischen Erhebung
durch Dänemark im Schleswig-Holsteinischen Krieg
(1848–1851), wurde der Kanal durch die dänische Regierung
wegen der unerwünschten Verbindung der Namen
Schleswig und Holstein im Namen in Eiderkanal umbenannt.
Die Umtaufung des Kanals bereitete sprachlich die Annexion
Schleswig
in das Königreich Dänemark vor, also die Trennung
der Herzogtümer. Wer also heute vom Eiderkanal spricht hat
letztlich etwas gegen Schleswig-Holstein - wie nach 1864 die
Preußen, die den eigentlichen Namen des Kanals ebenfalls
vermieden.
Völlig sinnlos ist der Ausdruck "Alter Eiderkanal" denn dann müßte es ja auch einen "neuen" Eiderkanal geben!
Das Ende des Schleswig-Holsteinischen Kanals wurde durch die
Bedürfnisse
der Marine verursacht. Praktische
Versuche, kleinere Kriegsschiffe per Kanal und Eider von der Ostsee
in die Nordsee zu verlegen, erwiesen sich als
prinzipiel durchführbar, aber als alltägliche Lösung
unrealistisch, zumal für die immer größeren Kreuzer und
Linienschiffe
ohnehin ein weitaus größeres, also völlig neues
Kanalbett notwendig war.
Teile des Schleswig-Holsteinischen Kanals verschwanden im Bett
des
großen Nachfolgers, des Nord-Ostsee-Kanals. Doch
es sind viele Teile des alten Kanals nahe des Kieler Stadtrandes
und in der Stadt erhalten: u.a. die Packhäuser, alte
Kanalhäuser in Kiel-Holtenau, einer der Holtenauer Obelisken,
die restaurierte Schleuse in Rathmansdorf, die Zugbrückenportale
in Kluvensiek sowie landschaftlich schöne, zum Teil
trockengefallene,
zum Teil auch mit Wasser gefüllte Kanalstücke bei Knoop,
Kluvensiek, Königsförde sowie in Kiel-Holtenau. Zumeist
sind auch die alten Treidelpfade noch erhalten, so daß es sich
lohnt,
eine Rad- oder besser Fußtour auf den Spuren eines der
bedeutendsten
technischen Denkmäler des Landes, des
Schleswig-Holsteinischen Kanals, zu unternehmen.
Literatur:
Heidemann, Wolfgang, 200 Jahre Schleswig-Holsteinischer Kanal, in:
Kultur und Technik 4/1984
Stolz, Gerd: Der alter Eiderkanal