1.
in frühpreußischer Zeit ab 1867
2.
zwischen den Weltkriegen
3.
im 2. Weltkrieg und danach
4.
und kein Ende der Zerstörungen?
1.
in frühpreußischer Zeit ab 1867
Das Jahr 1867, das Jahr
des Anschlusses Schleswig-Holsteins an Preußen, markiert auch den
Anfang vom Untergang des alten Kiel, einer mittelgroßen holsteinischen
Stadt von 24000 Einwohnern im Jahre 1868. Die größte Stadt des
Landes war seinerzeit Altona mit rund 86000 Einwohnern, Schleswig zählte
damals 14000, Flensburg 22000 Einwohner. In der preußischen Zeit
galt allgemein als Lehrmeinung, daß die Bedeutung Kiels vor 1866
als gering einzuordnen war, die Bauten als unbedeutend, die Stadt insgesamt
nur interessant als Grundlage für ein Entwicklungsprogramm zur einer
gigantischen Marinestadt mit rund 1 Million
Einwohnern.
Viele Kieler und Schleswig-Holsteiner, die zwischen 1848 und 1866 prägend
für das Leben im Lande waren, an der Erhebung von 1848 teilgenommen
bzw. ihr nahegestanden hatten oder sonst eine bedeutende Rolle gespielt
hatten, mußten im Zuge preußischer Umorganisation das Land
verlassen, wurden als Beamte in andere preußische Provinzen versetzt,
verloren im günstigen Fall ihre Stellung, ihren Einfluß. In
allen Bereichen des öffentlichen Lebens wurden die zentralen Posten
und Dienststellen mit königstreuen Beamten, Priestern und Offizieren,
oft aus fernen Provinzen kommend, besetzt. Als Beispiel sei nur die Landvermessung
genannt, die z. B. im Bereich des Dänischen Wohldes von Beamten aus
Ostpreußen durchgeführt wurde. Durch mangelnde Kenntnis der
Region und auch fehlende Sprachkenntnisse - die Mehrheit der Bevölkerung
sprach plattdeutsch, friesisch oder dänisch, jedoch nicht hochdeutsch
- produzierten die Betreffenden Fehler, die bis heute in Karten verzeichnet
sind, wenngleich man zugeben muß, daß es die ersten wirklich
modernen Karten im Lande waren. Für die Stadt Kiel begann 1867
ein Weg, der die Stadt in vielen Bereichen bis zur Unkenntlichkeit veränderte,
verstümmelt, zerstörte
und
ihr wichtige Teile ihrer gewachsenen Identität nahm. Daß dieser
Prozeß bis heute weiter anhält und man ohne Not noch immer regelmäßig
Lücken in die erhaltenswerte Bausubstanz Kiels schlägt,
ist besonders bitter und schwer zu begreifen. Doch zunächst zurück
zur Kaiserzeit! Die Argumentation der preußischen Verantwortlichen
bei der hemmungslosen Umgestaltung der Stadt war immer wieder dieselbe:
Die Bausubstanz des alten Kiel sei wertlos, die Stadt wäre ohnehin
unbedeutend und rückständig, einer tiefgreifenden Umgestaltung
stehe nichts im Wege.
Eine unbedeutende Stadt???? Auch eine regelmäßige Wiederholung dieser Behauptung macht sie nicht wahrer. Die Tatsachen zeigen nämlich deutlich: Kiel kann durchaus nicht so unbedeutend gewesen sein. Die Stadt an der Förde war z. B. die einzige Stadt Schleswig-Holsteins, die im 14. Jahrhundert immerhin eine beschränkte Autonomie erlangte, wenn auch nicht in dem Maße wie Lübeck und Hamburg. Außerdem war Kiel aufwendig, zunächst durch einen eichernen Palisadenzaun, später durch Stadtmauern und Tore gesichert, die es sonst in Schleswig-Holsteins Städten - mit Ausnahme Mölln, wo strategische Gründe eine Befestigung erforderlich machten - nicht gab. Nur Städte, in denen es etwas zu rauben gab, Städte mit Reichtum und Warenumschlag, mußten seinerzeit aufwendig befestigt werden. Da war z. B. der Kieler Umschlag, der, seit 1431 jährlich veranstaltet, ein wichtiger Geldmarkt (und ein wichtiges Volksfest) von internationaler Bedeutung war und mit dem Kiel für Jütland und Schleswig-Holstein schnell als Börse selbst Lübeck den Rang abgelaufen hatte. Erst mit der preußischen Zeit und der Einführung des modernen Geldverkehrs verschwand der Kieler Umschlag für ein Dreiviertel Jahrhundert von der Bildfläche, um als reines Volksfest 1975 wieder aufzuerstehen. Was viele nicht wissen: Kiel war von Anfang an Hansestadt und ist eine der wenigen Städte, die in allen 16 Hansestadtverzeichnissen des 14. und 15. Jahrhunderts verzeichnet sind. Erst zur Zeit des Niederganges des berühmten Städtebundes zu Anfang des 16. Jahrhunderts schied Kiel wegen abweichender Handelsinteressen aus der Hanse aus, u. a. auch deshalb, weil die Hanse längst ihre Bedeutung für die ihr angehörenden Städte verloren hatte. Alte Abbildungen des Hafens und Kieler Handelsschiffe zeigen deutlich, daß Kiel auch später als Hafenstadt so unbedeutend nicht gewesen sein kann. Das Vorhandensein einer Universität (seit 1660) allein schon widerspricht dem Märchen der unbedeutenden Kleinstadt Kiel. Als Zentrum der schleswig-holsteinischen Erhebung von 1848 ist Kiel im heutigen Deutschland sogar die Stadt mit den ältesten demokratischen Traditionen, schließlich war die Verfassung des Landes 1848 im Gegensatz zur Paulskirchen-Verfassung durchaus einige Zeit lang in Kraft und Kiel Sitz der provisorischen Regierung. Letzteres war natürlich den preußischen Herren nach 1867 alles andere als erinnerungswürdig!
Zur Umgestaltung der Stadt:
die Maßnahmen umfaßten zunächst einmal den Abbruch
vieler Häuser, deren Zustand keine andere Maßnahmen als die
Schaffung von Neubauten zuließ, der Erhalt der Gebäude weder
finanziell vertretbar noch kulturhistorisch erforderlich war. Allerdings
wurde bei der Erstellung der Neubauten häufig wenig sensibel und meist
völlig konzeptionslos verfahren, so daß sich in Kiel schnell
in vielen Teilen der Stadt auf unglückliche und unharmonische Weise
großstädtische Neubebauung mit kleinstädtischer Altbebauung
mischte, Gebäudehöhen und Stilelemente zusammengefügt
wurden, die nicht zusammenpaßten. Durch diesen baulichen Wildwuchs
konnte natürlich keine architektonische Harmonie entstehen, was überall
durch häßliche freie Brandmauern sichtbar wurde. Schritt für
Schritt verschwand der alte Charakter der Stadt, ohne daß sich ein
neues durchgängiges städtebauliches Profil in den Wohn- und Geschäftsbereichen
des aufstrebenden Reichskriegshafen bilden konnte. Viel schlimmer noch
waren andere Wunden, die Kiel zugefügt wurden. Schon der Abriß
des alten Bahnhofes, dort, wo heute die Hauptpost liegt, war fragwürdig.
Zwar ist es keine Frage, daß ein neuer (Haupt-)Bahnhof erforderlich
war, doch mußte es gleich ein Abriß des alten
Bahnhofes
sein? Noch bedenklicher waren die Abrisse einer Reihe ohne jeden Zweifel
kulturhistorisch höchst wertvoller und gut erhaltener alter Häuser
wie z.B. des berühmten Schweffelhauses an der Klinke, das der Verlängerung
der Holstenstraße weichen mußte, weiter des Wohnhauses
„Quickborn“ von Klaus Groth, das dem Bau des Klinikums zu Opfer fiel, oder
des Hauses Alter Markt Nr. 20, das - mit Schwibbogen und aufwendigen
Schnitzereien an den eichenen Balken versehen - ein wichtiges Stück
Kieler Altstadt repräsentierte und seinerzeit die Lücke zwischen
(dem heutigen Kaufhaus) Karstadt und der Nicolaikirche schloß.
Über den Erhalt diese Haus wurde viel gestritten und kontrovers diskutiert.
Schließlich wurde als Ausgleich für den architektonischen Verlust
das Fotografieren des Hauses vor dem Abriß beschlossen. Es
war leider nur einer von vielen baulichen Verlusten der Alt- und Vorstadt
in diesen Jahren. Jörg Thalanow, Autor des dreibändigen Werkes
„Kiel - so wie es war“, schrieb dazu: „Die Neugestaltung steigerte sich
zum Bedauern vieler Bürger ... in eine teilweise rücksichtslose
Zerstörung ... (und) im ständigen Beseitigen von Bau- und Kulturdenkmälern.“
Besonders bezeichnend war der Abriß des Hauses an der Ecke Markt
und Dänische Straße mit dem alten Tanzsaal und der Polizeiwache,
eines der für die Stadtgeschichte äußerst wichtigen Gebäude,
zugunsten eines Bürokomplexes einer preußischen Versicherungsgesellschaft.
Dies sind nur einzelne Beispiele eines umfassenden Prozesses, dessen
Ziel es offenbar war, das alte Kiel möglichst vollständig verschwinden
zu lassen.
2.
zwischen den Weltkriegen
Wie in der ersten Folge
dargestellt, mußten viele alte, teils tatsächlich baufällige,
überwiegend jedoch eher denkmalschutzwürdige und erhaltenswerte
Häuser der Modernisierungswut der preußischen Machthaber weichen.
Aus einer der schönsten holsteinischen Städte, idyllisch und
klein, weitgehend auf Altstadt in Insellage und sich westlich anschließende
verhältnismäßig kleine Gebiete beschränkt, wurde -
auch durch eine Serie von Eingemeindungen (Brunswik 1869, Wik 1893, Gaarden-Ost
usw.) und gigantische Baumaßnahmen eine Großstadt von
schließlich fast einer Viertel Million Einwohnern (1919). Es war
eine atemberaubende Entwicklung, vergleichbar dem Ausbau berlins oder amerikanischer
Großstädte, allerdings mit dem Unterschied, daß in Kiel
1914 die Entwicklung ein abruptes Ende fand. Sie hinterließ nach
dem 1. Weltkrieg vor allem in derAltstadt einen städtebaulich fragwürdigen
Mischmasch aus klein- bzw. mittelstädtischer Bausubstanz aus den Zeiten
des dänischen Gesamtstaates und großstädtischer, z.T. protziger
Repräsentationsarchitektur wilhelminischen Zuschnitts. Hinzu kamen
riesige Industrie- und Marineareale, die ausschließlich darauf ausgerichtet
waren, dem Anspruch auf Weltgeltung des Deutschen Reiches maritim-militärischen
Nachdruck zu verleihen. Von der Wik bis Ellerbek waren komplette Ensembles
einmaliger Dorfarchitektur eingeebnet und überbaut worden, waren
städtebauliche Besonderheiten wie die (echte) Holstenbrücke
und der Bootshafen mit Kleinem Kiel verbindenden Fördearm und viele
schöne Gebäude verschwunden.Hinzu kam, daß zwischen den
Kriegen wichtige
Gebäude
durch Feuer verbichtet oder schwer beschädigt wurden. Beispiel sind:
die alte Mühle in der Altstadt oder der Ostflügel des Schlosses.
Fairerweise muß allerdings auch festgestellt waren, daß die
Kaiserzeit und die 20er Jahre auch bemerkenswerte architektonische Glanzpunkte
setzten: Das Rathaus am
Neumarkt (heute: Rathausplatz), das Stadttheater (heute: Oper), das
Oberlandesgericht (heute: Justizministerium), die Kaufhäuser von Karstadt
und Jacobsen, das humanistische Gymnasium (heute: Hiroshimapark), die Landwirtschaftskammer,
die Oberpostdirektion (im 2. Weltkrieg zerstört), die Marineakademie
(heute: Landeshaus), der Hauptbahnhof usw. . Diese Beispiele, weitere
gelungene Gründerzeitbauten, dazu Reste der alten Kieler Bausubstanz
sowie Neubauten der 20er Jahre gaben Kiel ein Profil, das mit „häßlich“
sicher nicht zutreffend beschrieben ist. Sicher gab es Ecken, die dringend
saniert werden mußten, paßten vielfach die Firsthöhen
der alten und neuen Häuser nicht zusammen, waren Gassen eng,
verwinkelt und für stellten viele Gebäude zweifellos unerträgliche
Hindernisse für die Entwicklung moderner verkehrsstrukturen dar. Doch
mit ein paar Sanierungsmaßnahmen, gezielter
Auflosckerung
der vielfach viel zu engen Bebauung hätte man ein Stadtbild schaffen
können, das Alt und Neu, große und kleine Häuser, mittelstädtische
Tradition und großstädtische Ansprüche hätte versöhnen
können. Wer das Ergebnis des Kieler Städtebaus in der durchaus
nicht paradisischen und problem- und konfliktlosen Kasierzeit angemssenen
Beurteilen will, darf nicht bei einem einfach formulierten Verriß
stehenbleiben, wie er uns vom Leiter des Stadplanungsamtes, Herbert Jensen,
aus dem Jahre 1935 überliefert ist: „... es gibt kaum eine Stadt,
die im zentrum so regellos und lückenhaft, so eng und häßlich
gebaut ist wie Kiel!“. Scaheun wir uns lieber Fotodokumente an und lassen
diese sprechen, sie sind reichlich vorhanden. In seinem Buch „Kiel, ein
verlorenes Stadtbild“ schreibt Ulrich Dagge dazu: „Ob die alte Stadt wirklich
so häßlich war wie jensen gehauptete, sollte jeder für
sich entscheiden!“ Dagge lieferte gute Bildbeispiele dafür, daß
Kiel vor dem 2. Weltkrieg sicher schlimme Ecken, aber sehr viele Schöne
Seiten hatte. Wir fügen ein paar Beispiele dazu.
3.
im 2. Weltkrieg und danach
80 % der Kieler Altstadt
war zerstört, vieles ging buchstäblich in den letzten Minuten
des III. Reiches in Flammen auf, versank in Schutt und Asche. Gerade die
wertvollsten historischen Gebäude - die mit alten Holzbalken und reichen
Schnitzereien - brannten wie Zunder, waren glühende Haufen aus Asche
und verkohltem Holz, bevor die Feuerwehr überhaupt anrücken geschweige
denn
etwas
retten konnte, sieht man einmal von dem ab, was im Stadtmuseum vor kurzer
Zeit präsentiert wurde. Doch interessant ist, was alles noch erhalten
war. Zum einen hinterließ der Krieg Reste vieler historischer
Gebäude in Kiel, vergleichbar solchen, die in anderen Städte
wiederaufgebaut wurden. Ein Beispiel, das an vorderster Stelle zu
nennen wäre, ist der Buchwaldtsche Hof. Doch die Trümmer
wurden beiseite geräumt, Reste abgebrochen, über Rekonstruktion
und Wiederaufbau gar nicht erst diskutiert. Die Fläche blieb lange
Zeit frei, heute steht hier das Gebäude der Nordelbischen Kirche,
das schon in der Farbe des Ziegelmauerwerks wenig glücklich an den
benachbarten Warleberger Hof angepaßt ist und durch seine klotzige
Form das historische Gebäude, in dem sich das Stadtmuseum befindet
und früher das Theatermuseum untergebracht war, erdrückt.
Schräg gegenüber wurde - man mag es kaum glauben - der schwer
beschädigte Westflügel des Schlosses (Pelli-Bau, auch fälschlicherweise
Rantzau-Bau genannt) wieder rekonstruiert bzw. ergänzt. Doch
das weitgehend erhaltene, ebenfalls von Pelli stammende Barockportal,
verschwand sang- und klanglos als Füllmaterial für Bombentrichter,
nachdem zunächst vorgesehen war, es in den Neubau zu integrieren.
Daß ein couragierter Bürger Teile des Portals in seinem Vorgarten
aufstellte, ändert letztlich nichts am städtebaulichen Verlust.
Auch das erhaltene Barock-Portal der Kunsthalle gibt es nicht mehr. Unter
dem Chor der schwerbeschädigten Nicolai-Kirche fand man 5 Jahre nach
Kriegsende Reste einer barocken Gruft mit kupfernen Särgen. Alles
wurde kurz fotografiert, dann entsorgt, die Särge als Altmetall. In
den Trümmern der Heiligen-Geist-Kirche (Klosterkirchhof) barg man
wertvolle Jahrhunderte alte Sarkophage aus Stein, auch sie verschwanden
ohne Dokumentation nach Anfertigung einiger Fotos (1950). Technisch kann
die Dokumentation bzw. das Bewahren dieser historischen Schätze kein
Problem gewesen sein. Ein unter der Erde verschwundener Schatz in Kiel
ist auch die Stadtmauer - eigentlich waren
es
derer drei, wenn man einen Palisadenzaun mitzählt. Sie ist zwar -
im Bereich der alten Feuerwache hinter dem Stadtmuseum - unterirdisch noch
erhalten, doch ob hier je ein Museumsanbau realisiert werden kann, in dem
mit Hilfe der Stadtmauerreste Zeugnis über die durchaus nicht so geringe
Bedeutung des alten Kiels abgelegt werden kann, steht in den Sternen. Abgeräumt
und nicht wieder aufgebaut wurde weiterhin der beschädigte Schwertträgerbrunnen
auf dem Rathausplatz. Der Brunnen wich Parkplätzen, statt neu aufgebaut
zu werden. Völlig den Krieg überstanden hatten die schönen
alten Backstein-Speicher neben der Fischhalle. Sie wurden 1955 abgerissen
zugunsten des architektonisch wenig gelungenen Sell-Speichers, der inzwischen
eine Ruine ist. Auch der Hauptbahnhof war nicht so zerstört, wie es
später den Anschein hatte. Große Teile der Fassade waren erhalten,
wurden abgebrochen und durch die bekannte Fassade ersetzt, statt den zerstörten
Rest zu rekonstruieren. Die vollständig erhaltene Wasserfront des
Gebäudes („Kaisertreppe“) wurde zwar erhalten, war aber jahrzehntelang
durch einen häßlichen und wenig zur historischen Fassade passenden
Dachaufbau entstellt. Es bleibt zu hoffen, daß der derzeitige Umbau
des Hauptbahnhofes wirklich so gekonnt an die alten Formen anknüpft
und gleichzeitig Erhaltenes angemessen integriert, wie die Bauzeichnungen
es versprechen. Schön wäre es. Dies nur einzelne Beispiel über
den mangelhaften
Umgang
mit Kiels Geschichte vor rund 50 Jahren. An anderen Stellen setzte die
Nachkriegszeit allerdings auch bedeutende positive Akzente. In kaum einer
deutschen Stadt wurde die spezielle Architektur der 50er Jahre so konsequent
und gekonnt umgesetzt wie hier, wenn es auch außerordentlich schwierig
ist, ihre Eigenarten im Rahmen heutiger Erfordernisse zu erhalten, zumal
es keine ausreichende wissenschaftliche Bearbeitung der Frage gibt, was
das Spezifische dieser Architektur ist und was es an Erhaltenswerten Beispielen
gibt. Bemerkenswerte Zeugnisse dieser Architektur sind in Kiel: das
Sozialministerium in der Brunswiker Straße, die Landesbank und Girozentrale
am Kleinen Kiel oder das Ensemble an Holstenplatz nördlich der Landwirtschaftskammer.
Diese drei Beispiele sind nahezu unverändert im Zustand der 50er Jahre
erhalten. Andere Architektur aus derselben Zeit im gleichen Stil wurde
nicht so behutsam behandelt.
Das Astor-Hotel wurde dabei
noch sehr pfleglich renoviert und heutigen Wärmeschutz-Bedürfnissen
angepaßt. Es hat dabei etwas von der Leichtigkeit des Baus verloren,
allerdings ohne daß der schon fast historische Eindruck von Hotel
und Umgebung gestört ist.
Schlimmer
erging anderen Gebäuden wie z.B. dem DEFAKA-Haus, dessen Umgestaltung
zum Ahlmann-Center in den 70er Jahren einen wichtigen Bau Kieler Nachkriegsarchitektur
total veränderte, wenn auch ohne Proteste der Bürger. Auch die
Holtenauer Straße zwischen Lehmberg und Jungmann-Straße hat
viel von ihrem Charme der 50er Jahre verloren. Dieser Teil Kiel war
wohl einer der gelungensten Beispiele für die Umgestaltung Kiels.
Moderne offene Bebauung verknüpft mit attraktiven Einkaufsmöglichkeiten,
offen und grün, aber alles andere als öde und frei von Halbheiten
und Provisorien. An der Umgestaltung hier ab Sommer 1950 nahm die Bevölkerung
regen Anteil, natürlich auch an der Sprengung des Bunkers gegenüber
dem Lehmberg. Die positive Einstellung der Menschen zu diesem Teil Kiels
läßt sich am noch heute vielen Leuten bekannten und beliebten
Spitznamen „Klagemauer“ ablesen, der sich auf die hohen Mieten und die
finanziellen Probleme von Bewohnern der Neubauten bezog. Woher der stammt,
ist uns leider nicht bekannt. Der Verlust des „Gesichtes“ der Klagemauer
begann mit Plattenverkleidungen an den Wohnhäusern auf der Westseite
und endete - vorerst - mit der Installation eines Laubenganges vor den
Geschäftszeilen im Techno-Stil mit Glas, Stahlprofilen und sichtbaren
Verbindungselementen, was der Überdachung die Leichtigkeit der Konstruktion
nahm, allerdings wettermäßig Vorteile hatte. Mit Werbemaßnahmen
wurde sofort versucht, den noch nicht ganz vergessenen Namen „Klagemauer“
auszutilgen und durch „Arkaden am Dreiecksplatz“ zu ersetzen. Nur: der
Dreiecksplatz ist weit entfernt und die Laubengänge sind keine Arkaden,
denn Arkaden sind - die alten und jungen Lateiner sind gefragt - Bögen,
die es hier gar nicht gibt. Schlimmer ist unserer Meinung nach allerdings,
daß Namen wie „Klagemauer“ viel mit Identifikation zu tun haben und
die fehlt in Kiel an vielen Stellen.
4.
Und kein Ende der Zerstörungen?!
Von den bedeutenden architektonischen
Zeugen in Kiel, die eine Modernisierung über sich ergehen lassen mußten,
erging es dem Astor-Hotel noch gut. Es wurde sehr pfleglich renoviert und
heutigen Wärmeschutz-Bedürfnissen angepaßt, hat aber dabei
etwas von der Leichtigkeit des Baus verloren, allerdings ohne daß
der schon fast historische Eindruck von Hotel und Umgebung gestört
ist. Schlimmer erging es anderen Gebäuden wie z.B. dem DEFAKA-Haus,
dessen Umgestaltung zum Ahlmann-Center in den 70er Jahren einen wichtigen
Bau Kieler Nachkriegsarchitektur total veränderte, wenn auch erstaunlicherweiser
ohne Proteste der Bürger. Vielleicht war die Experten begeisternde
DEFAKA-Architektur dem durchschnittlichen Bürger auch etwas zu kühl
und schlicht, während die neuen Fassaden sich immerhin durch eine
Portion Individualität und Originalität auszeichnen und sich
wohltuend vom üblichen Kunststoff-Fassadenbrei vieler Kaufhäuser
abheben. Viel von ihrem Charme der 50er Jahre verloren hat die Holtenauer
Straße
zwischen Lehmberg und Jungmann-Straße. Dieser Teil Kiels war wohl
einer der gelungensten Beispiele für die Umgestaltung Kiels nach 1945:
moderne offene Bebauung verknüpft mit attraktiven Einkaufsmöglichkeiten,
offen und grün, aber alles andere als leer und öde, dabei frei
von Halbheiten und Provisorien, sondern aus einem Guß. An der Umgestaltung
ab Sommer 1950 nahm die Bevölkerung regen Anteil, natürlich auch
an der Sprengung des Bunkers gegenüber dem Lehmberg. Die positive
Einstellung der Menschen zu diesem Teil Kiels läßt sich
am noch heute vielen Leuten bekannten und beliebten Spitznamen „Klagemauer“
ablesen, der sich auf die - angeblich - hohen Mieten und die finanziellen
Probleme von Bewohnern der Neubauten bezog. Woher der Name genau stammt,
ist uns leider nicht bekannt. Der Verlust des „Gesichtes“ der Klagemauer
begann unauffällig mit Plattenverkleidungen an den Wohnhäusern
auf der Westseite und endete - vorerst - mit der Installation eines Laubenganges
vor den Geschäftszeilen im Technik-Stil mit Glas, Stahlprofilen und
sichtbaren Verbindungselementen, was der ursprünglichen Überdachung
die Leichtigkeit der Konstruktion nahm, allerdings wettermäßig
Vorteile hat. Mit Werbemaßnahmen wurde sofort versucht, den noch
nicht ganz vergessenen Namen „Klagemauer“ auszutilgen und durch „Arkaden
am Dreiecksplatz“ zu ersetzen. Nur: der Dreiecksplatz ist weit entfernt
und die Laubengänge sind keine Arkaden, denn Arkaden sind - die alten
und jungen Lateiner sind gefragt - Bögen, die es hier gar nicht gibt.
Schlimmer ist unserer Meinung nach allerdings, daß Namen wie „Klagemauer“
viel mit Identifikation der Bevölkerung mit der Stadt zu tun haben
und hier fehlt es in Kiel an vielen Stellen mit zunehmender Tendenz.
Weitere
Beispiele fragwürdiger Veränderungen waren der Abriß der
alten Speicher am Wall - ihr Nachfolger, der Sellspeicher, wird wiederum
durch einen Neubau ersetzt - und der Abriß des vollkommen intakten
Gebäudes Ecke Sophienblatt und Ziegelteich („Alter Landeskeller“)
zugunsten des Kaufhausklotzes von Hertie (heute: Karstadt III). Auch die
Fußgängerbrücken im weiteren Umfeld des Hauptbahnhofes
waren alles andere als Zeichen für gelungene großstädtische
Architektur, wenngleich sehr praktisch. Der Sophienhof immerhin gilt als
ausgesprochener Pluspunkt, obwohl die Jugendstilfassaden seines Vorgängers
und die der Nachbarhäuser noch weit besser hätten in den Neubau
integriert werden können. Mit ihrem Verlust als erhaltenswerte Architektur
in Form des alten Sophienhofes der Gründerzeit befaßte sich
seinerzeit sogar die größte deutsche Kunstzeitschrift ("Art").
Doch einfacher sind die Beispiele auf der Negativ-Seite zu finden.
Ganz
weit oben auf der Liste der städtebaulichen Sünden im weiteren
Sinne rangiert der Verlust der Straßenbahn,
der das Stadtbild an vielen Teilen negativ beeinflußt hat. Unglücklich
auch Verluste im Detail. Als Beispiel sei das neue Eingangsportal des Schauspielhauses
genannt. Hieß es noch, daß die Fassade erhalten werden solle,
mußte man nach der Vollendung der Umbauarbeiten feststellen, daß
das neoklassizistische Eingangsportal nicht wieder aufgebaut werden sollte.
Wenn man bedenkt, daß dieser Bau eine wichtige Rolle bei der Rückkehr
Schleswig-Holsteins zur Demokratie nach knapp 100 Jahren spielte (erinnern
wir uns: 1848 war die Schleswig-Holsteinische Erhebung, 1946 die erste
Sitzung des Provinziallandtages), sollte man meinen, daß damit etwas
pfleglicher umgegangen wird.
Hier genau liegt das Problem: Während andere Städte viel in die Präsentation ihrer Vergangenheit investieren, führt dieses in Kiel eher ein Aschenputtel-Dasein, und das schon seit der preußischen Zeit. Vermutlich ist hier eine wesentliche Ursache für die häufig beklagte geringe Identifikation der Bürger mit Kiel zu suchen. Daran hat auch die Demokratie nichts geändert. Schon in den 50er Jahren wurde beklagt, daß das sogenannte neue Kiel von den Bewohnern nicht als frisch, gut durchlüftet und modern, sondern eher als öde und leer und ohne Anknüpfung an das alte Kiel und seine Geschichte empfunden wurde. Hier und dort würde Kiel vielleicht das gut tun, was in vielen anderen Städten eher übertrieben wurde: Rekonstruktion einzelner historische Gebäude und Einrichtungen. Vielleicht sollte man beim alten Rathaus auf dem alten Markt oder - noch besser - bei der Straßenbahn anfangen!
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