Geschichte Suchsdorfs
Das Kieler Stadtbuch von 1264 bis 1289 ist ein Fundgrube bezüglich
der Geschichte Kieler Stadtteile und Vorortgemeinden. So finden sich hier
z.B. Nennungen von Schilksee (1274) und Kronshagen (1273), aus denen man
Stadtteil- bzw. Gemeindejubiläen ableiten konnte. Noch früher
genannt wurde in der altehrwürdigen, in Latein auf Tierhaut verfaßten
Chronik der heutige Stadtteil Suchsdorf: 1269. Möglicherweise ist
Suchsdorf jedoch noch erheblich älter, man vermutet die Anfänge
des Dorfes im 9. Jahrhundert. Der alte Dorfkern hat die Form eines wendischen
Rundlinges, d.h. die Gehöfte liegen kreisförmig angeordnet,
um den Dorfteich als Mittelpunkt. Auf den Ortsnamen Suchsdorf in seiner
frühen Form weisen neben dem Stadtbuch außerdem die Namen der
Kieler Ratsmänner Detlef Zucstorpe und Thimmo Suckestorpe (Mitte 14.
Jahrhundert) hin. Bis 1366 war die aus dem Kieler Umland als Besitzer von
Gütern und Dörfern bekannte Familie von der Wisch Eigentümer
Suchsdorfs, verkaufte es dann aber an das Heiligengeist-Hospital in Kiel,
wodurch Suchsdorf sehr früh schon Kieler Stadtdorf wurde. Als nach
1544 die Herzogtümer Schleswig und Holstein in königliche Anteile
und herzöglich-gottorfsche Anteile (zu letzterem gehörte auch
die Stadt Kiel) geteilt wurden - ein Widerspruch zu den Ripener Grundsätzen
von 1460 („Up ewich ungedeelt!“) übrigens - , übergab der
Gottorfer Herzog das Gut Kronshagen (u.a. mit Suchsdorf und Schwartenbek)
an den Kanzler Kielmann von Kielmannsegg. 1768 wurde das adelige Gut Kronshagen
mit Amtsstatus versehen, Suchsdorf erhielt eine eigene Gemeindeverwaltung.
Wie in anderen Gütern der Herzogtümer wurde in Kronshagen im
18. Jahrhundert die Leibeigenschaft aufgehoben, das Gutsland parzelliert.
Im Gegensatz zu den Dörfern des Dänischen Wohlds, wo die Bauern
ihre Höfe kaufen konnten, wurde in Kronshagen das Pachtprinzip eingeführt.
1841 gab es in Suchsdorf als Pächter 8 Vollhufner, 4 Groß- und
2 Kleinkätner sowie 4 Insten. Die Nordgrenze Suchsdorfs war
jahrhundertelang die Levensau gewesen, die
seinerzeit
zwischen der Wik und Holtenau in die Kieler Förde mündete. Man
überquerte hier die Au auf der alten Heerstraße, die Kiel mit
Eckernförde verband, mit einer Brücke. Als 1784 der Schleswig-Holsteinische
Kanal fertiggestellt wurde, erhielt Suchsdorf durch den damals verkehrsreichsten
künstlichen Wasserweg, den es gab, eine Verbindung zur „weiten Welt“,
auch wenn sich die Beziehungen der Suchsdorfer weitgehend auf Treideldienste,
d.h. auf das Fortbewegen von Schiffen durch Pferde am Ufer, beschränkten.
Nachdem Suchsdorf schon seit 1848, dem Jahr der schleswig-holsteinischen
Erhebung, eigener Amtsbezirk gewesen war, brachte die Annexion Schleswig-Holsteins
durch Preußen im Jahre 1867 dem Bauerndorf Suchsdorf den Rang einer
preußischen Landgemeinde. Diese gehörte zunächst zum Kreis
Kiel (ab 1883 Landkreis Kiel - ohne die Stadt selbst!), wurde 1907 dem
Kreis Bordesholm zugeschlagen und kam 1932 zum Kreis Rendsburg. Ganz modern
wurde es in Suchsdorf, als am 1.7.1881 die Eisenbahnlinie von Kiel nach
Eckernförde fertiggestellt wurde, vor allem aber, als Suchsdorf
seinen
eigenen Bahnhof erhielt (1901, mit Hotel!). 1894 schon, als der neuerbaute
Kaiser-Wilhelm-Kanal Suchsdorf nach Norden hin seine gewachsenen Verbindungen
abschnitt, bekam Suchsdorf sein Wahrzeichen für die folgenden sechs
Jahrzehnte: die Levensauer Hochbrücke mit ihren markanten Türmen.
Bemerkenswert ist dabei, daß die Brücke auch auf dem Nordufer
noch vollständig auf Suchsdorfer Gebiet entstand. 1918 erhielt die
Eisenbahnlinie Suchsdorf-Gettorf einen Abzweiger Voßbrook, später
weiter nach Friedrichsort, etwa zur gleichen Zeit ist die Bahnlinie
von Suchsdorf in die Wik eingerichtet worden.
Schon zu Zeiten, als statt der Kanäle noch die längst verschwundene
Levensau die Nordgrenze Suchsdorfs markierte, hatte es an der Levensau
eine Brücke gegeben, die die alte Chaussee - später Eckernförder
Chaussee - über den Fluß führte. Früh war dort eine
Gastwirtschaft entstanden, wo auch noch heute eine existiert: ihr
Name war ursprünglich Louisenhöhe, ab 1896 wurde sie als Margarethental
weithin bekannt. Zu den Bauzeiten des Kaiser-Wilhelmkanals diente die Gastwirtschaft
als
Kantine
für die Kanalarbeiter, nach 1900 entstand ein richtiges Ausflugslokal.
1911 übernahm der aus Pommern stammende ehemalige Bottelier (Zahlmeister)
der kaiserlichen Marine Robert Gohlke mit seiner Frau Elisabeth das Restaurant,
am 8. Januar war Eröffnung. Der Platz war günstig gewählt
für ein Ausflugslokal, denn vor dem 1. Weltkrieg war die Dampferlinie
der Neuen Dampfer Compagnie (NDC) Holtenau - Rendsburg die einzige leistungsfähige
Verkehrsverbindung für viele Orte am Kanal und Margarethental lag
an einem der Dampferanleger. Zusätzlich bestand eine Motorbootverbindung
zu den Holtenauer Schleusen. Es war eine fröhliche Zeit im Biergarten
Margarethentals. Bei guten Wetter am Sonntag kamen Hunderte auf dem Wasser-
oder Landweg, um bei den Gohlkes bei Bier (30 Pfennig) oder Kaffee (Tasse
ebenfalls 30 Pf.) zusammen mit Kuchen (Stück 15 Pf.) vom steilen Kanalufer
den Ausblick auf vorbeifahrende Handels- oder Kriegsschiffe zu genießen.
Die Preise erscheinen niedrig, man darf jedoch nicht vergessen, wie gering
die Löhne damals waren. 1924 zerstörte ein Brand die alte
Gastwirtschaft,
deren baulichen Kern immer noch die ehemalige Arbeiterkantine bildete,
1925 war Margarethental wieder aufgebaut. Im Wesentlichen ist der damalige
Neubau noch immer die Gastwirtschaft von heute. Und immer noch wird
- in der dritten Generation - der Betrieb von der Gründerfamilie Gohlke
geführt. Doch die Chefin, Frau Ruth Blank, geb. Gohlke, will aus Altergründen
das Restaurant abgeben. Bleibt zu hoffen, daß ein Nachfolger für
die tradititonsreiche Suchsdorfer Gaststätte gefunden wird. Der zweite
Weltkrieg brachte Suchsdorf dasselbe wie anderen Gemeinden: Einquartierungen
nicht nur in Margarethental und Bombenkrieg, in dem rund 80 % der Gebäude
in Schutt und Asche versanken. Wertvolle alte Bausubstanz vor allem
an Bauernhäusern wurde zerstört, nicht aber zum Glück das
altehrwürdige Ausflugsrestaurant am Kanalufer.
So sind heute nur einzelne Zeugen des Suchsdorf des 19. Jahrhundert
übrigeblieben und auch die wenigen Villen und Wohnhäuser verschwinden
im Häusermeer der Neubauten aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.
Das Jahr 1954 raubt Suchsdorf sein Wahrzeichen. Als wenn der Krieg nicht schon genug angerichtet hätte! Die 60 Jahre alte Levensauer Hochbrücke mußte zwar nicht vollständig verschwinden, doch ihr Belag aus Holzbohlen wich einem modernen Straßenbelag, Fahrbahn, Fußwege und Eisenbahntrasse wurden voneinander getrennt, tonnenweise Teile ausgebaut, andere Teile eingebaut, vor allem die Türme standen im Wege, sie verschwanden ohne lange Diskussion. Ohne Protest der Suchsdorfer verlor die alte Brücke ihr Gesicht, um wenige Jahrzehnte später eine moderne Nachbarin im Osten zu erhalten, über die heute der alte Heerweg nach Norden, die B76, geführt wird. Nur die Kaiseradler von 1894, die einst die markanten Türme schmückten, lassen sich auf dem Schleusengelände in Holtenau noch bewundern.
1958 wurde Suchsdorf Kieler Stadtteil, verlor seine Selbständigkeit als Gemeinde. Ein Bauboom ähnlich wie in den anderen in der Nachkriegszeit eingemeindeten Vororten Kiels, begann auch in Suchsdorf. Die auffälligsten Neubausiedlungen sind wohl die Bereiche am Kanal um den Rungholtplatz herum und das nördlich des Uni-Geländes liegende Klausbrook, das fast den Charakter eines eigenen Stadtteils bekommen hat. Mit der neuen Kanalbrücke und dem autobahnähnlichen Ausbau der B 76 ist es ruhiger in Suchsdorf geworden. Nur wenig Verkehr fließt noch auf der Eckernförder Straße. So gehört Suchsdorf zu den eher beschaulichen Ecken in Kiel: ein Stadtteil, der im Süden durch den Kreis Rendsburg- Eckernförde, im Norden weitgehend durch den Kanal und im Osten von der B76 eingegrenzt, immer noch mehr den Eindruck einer eigenständigen Gemeinde als eines Teils der Großstadt macht.